Die Vernichtung der jüdischen Gemeinde auf Korfu

geschrieben von Rainer Thiemann

19. März 2014

Der zweite Teil unseres Artikels über NS-Verbrechen in Griechenland beschäftigt sich mit den Ereignissen auf Korfu.

Die jüdische Gemeinde auf Korfu blieb von den Aktionen des SD und der Wehrmacht auf dem griechischen Festland, um den 25.März 1944 , zunächst verschont.

Bei den auf dem griechischen Festland stattfindenden Aktionen (z. B. Ioannina) wurde
nachträglich immer wieder versucht, den Eindruck zu erwecken, dass die Juden „durch den SD abtransportiert“ worden seien. Es wird kaum hinzugefügt, dass die Razzien von der geheimen Feldpolizei (GFP) mit Hilfe der 104. Jäger- und der 1.Gebirgsdivision durchgeführt wurden.

Es fehlte für Korfu schlichtweg zu diesem Zeitpunkt an Schiffraum und durch die ständigen alliierten Luftangriffe war der Tagesverkehr Korfu-Festland fast vollständig zum Erliegen gekommen. 130.000 Einwohner hatte Korfu zu diesem Zeitpunkt. Die Versorgungssituation entwickelte sich katastrophal, Hunger und Verelendung kennzeichneten die Situation.

Zu diesem Zeitpunkt hatte die jüdische Gemeinde um die 2.000 Angehörige und war 500-
600 Jahre alt. Sie bewohnte zum größten Teil ein Viertel in der Hauptstadt Kerkyra und
war portugiesisch-spanischen und italienischen Ursprunges.
Die wirtschaftliche Rolle in Korfu war bedeutend. Die Umgangssprache in der Gemeinde
war vorwiegend italienisch.

Durch das Unternehmen „Verrat“ hat die deutsche Wehrmacht die italienischen
Verbände auf Korfu ausgeschaltet. General Lanz ließ hier ohne Führerbefehl italienische Offiziere reihenweise erschießen. (Ausnahme: Faschisten, Offiziere deutschblütiger Abstammung, Sanitäts-Offiziere und Geistliche). Bestrebt, das Verbrechen wie zuvor in Kefalonia zu vertuschen, befahl er, die Leichen im Meer zu versenken. Sein Untergebener
Remold erhielt Vollmacht, in Einzelfällen weitere Italiener zu erschießen.

Danach zog die 1.Gebirgsdivision ab und der 51-jährige Oberst Jäger, österreichischer Berufsoffizier, von seinen Vorgesetzten als „Edelmann in des Wortes bester Bedeutung“
und „Nationalsozialist in Wort, Tat und Lehre“ charakterisiert, wurde Inselkommandant und
Hauptmann Matthias Starl Ic an seiner Seite.

Zunächst veranlasste Hauptmann Starl die listenmäßige Erfassung aller Juden und befahlt die mehrmalige Meldung der erfassten Personen pro Monat.
Es standen der Kommandantur nur das VIII. Batallion des 999 “Wehrunwürdigen-Regiments“ und das in Österreich aufgestellte Festungs-Infanterieregiment 1017 zur Verfügung.

Erschwerend zur Lage aus Sicht der Besatzer kam hinzu, dass sich ca. 2.000 hungrige
ehemalige italienische Soldaten auf der Insel frei bewegten und auch noch etwa 1.600
sogenannte Anglomaltesen (Nachfahren von Engländern, die von Malta nach Korfu ausgewandert sind) und weitere „unsichere“ Personen auf der Insel aufhielten.

Am 25.April befasste sich Starl auch mit der „Judenfrage“: „Nach Ansicht der Dienststelle stehen dem geplanten Abtransport der Juden keine grundsätzlichen Bedenken entgegen … Die insbesondere von Vertretern der Kirche
vorgebrachten Bedenken werden deshalb von der Dienststelle als nicht stichhaltig abgelehnt.“

Am 28.April machte sich Zieger, als I c des XXII. Gebirgs-Armee-Korps ein Bild von den
Verhältnissen und schlug den „Abschub der Italiener“ und den „Abtransport der Juden“
vor.

Die sogenannten „Anglomaltesen“ wurden zum „Arbeitseinsatz ins Reich“ eingeplant,
natürlich um „zugleich einflussreiche Malteser als Geiseln für zuverlässige Haltung
gegenüber deutscher Besatzung festzunehmen“
.

Am 12. Mai wurde die Heeresgruppe E über die Maßnahme des Abtransportes von
Korfu und Kreta durch die Schutzpolizei in Athen auf Anordnung der Reichsführers SS (Himmler) unterrichtet.

Am 14. Mai traf der Judenreferent im Referat I V b 4 , SS-Obersturmführer Anton
Burger in Kerkyra ein und forderte vom Inselkommandant Jäger „alle Juden auf der Insel“
zu verhaften. (Burger starb in Deutschland unerkannt in den 90er Jahren.)

Um den dann folgenden Kleinkrieg gibt es viele blumige Geschichten. Fest steht, dass
Jäger, der diese Maßnahme so, wie gefordert, für überflüssig hielt und nach dem Gespräch mit den SS-Männern sofort bei Vizeadmiral Lange genügend Schiffsraum für 2.000 Personen anforderte.
Alles Geplänkel bis zum 09. Juni hatte nichts mit einer prinzipiellen Ablehnung der Maßnahme zu tun, sondern mit verschiedenartigsten Befürchtungen der Kommandantur,
bei der Maßnahme „sofortige Verhaftung und Festsetzung aller Juden“.

Aus verschiedenen Gründen verschob sich die Aktion bis zum 07. Juni. Dann wurde „allen Juden in Korfu“ per Anschlag befohlen, sich spätestens am nächsten Tag in ihren Häusern
einzufinden. Am frühen Morgen des 9.Juni flogen Anton Burger und sein Mitarbeiter, SS-Gruppenführer Friedrich Linnemann und Dolmetscher Rekanatis ein.
Um 08 Uhr mussten der Präfekt Komianos, Bürgermeister Kollas und der Polizeichef erscheinen und Burger nötigte den Bürgermeister und den Polzeichef unter Androhung der Erschießung zur Unterzeichnung eines Aufrufs an die griechische Bevölkerung.

Die „Bekanntmachung an das Volk von Korfu“ beinhaltete den Abtransport und die Enteignung der Juden und die Verhetzung der leidenden Bevölkerung, indem durch die Maßnahmen die Wirtschafts- und Versorgungslage Besserung erfahren würde.
Erschossen werden nicht nur Juden, die sich nicht melden, sondern auch jeder, der einen
Juden versteckt.

Am 09. Juni wurden per Razzia durch die GFP 621 die Verhaftungen betrieben, die
Alten und die physisch und psychisch Kranken wurden aus den Krankenhäusern geholt.
Anschließend wurden Sie nach Wertgegenständen und Ihren Hausschlüsseln gefilzt.

Der Dolmetscher Rekanatis erinnerte sich „neun Koffer mit Diamanten,Schmuck und Goldbarren mitgenommen“ zu haben. Die Wertgegenstände wurden laut Kriegsverwaltungsrat Dr. Max Mertens in die Gesandtschaft nach Athen gebracht und dort von Reichsbankdirektor Hahn sortiert und geschätzt.

Zwischen 11.und 17 Juni erfolgten die Überfahrten aufs Festland –insgesamt 1.765
Personen, darunter 300 schwangere Frauen. Da es nichts zu essen und zu trinken gab, waren schon zu diesem Zeitpunkt Alte und Schwache gestorben und man warf sie über Bord.

Anton Burger erschoss in Levkas eigenhändig mit Genickschuss einen jüdischen Mann,
da dieser verbotenerweise den Bürgersteig betreten hatte, um Wasser zu trinken.
Dieser Mann sei ohnehin „noch der glücklichste von allen diesen Juden“.

Bleibt zum Schluss das Kalendarium Auschwitz-Birkenau:

2.044 Juden aus Korfu und Athen kommen am 30. Juni 1944 an. Nach Selektion werden 446 Männer und 175 Frauen als Häftlinge im Lager eingewiesen. Die 1.423 übrigen Menschen werden in den Gaskammern getötet.

187 Jüdinnen und Juden aus Korfu überlebten Auschwitz. Einige wenige kehrten nach Kriegsende auf die Insel zurück, mussten teilweise Ihre Häuser per Gerichtsbeschluss
räumen lassen.

Matthias Starl scheute sich nach Kriegsende nicht, unverfroren die Unwahrheit über
seine und General Lanzs Rolle zu verbreiten: „General Lanz lehnte die Deportation der Juden aus Korfu ab und stellte dem SD keine vom XXII .Gebirgs-Armee-Korps angeforderten Transportmittel zur Verfügung.“

Tatsächlich hat Lanz die Deportation nicht prinzipiell abgelehnt, sondern ihr zugestimmt, wenn sie „schlagartig unter sofortigem restlosen Abtransport“ durchgeführt werde. Transportmittel konnte er keine zur Verfügung stellen, weil er über keine Schiffe verfügte.

Außer dem Dolmetscher Rekanatis, der am 30 .Juni 1949 zum Tode verurteilt wurde und am 11. Juli 1963 per Sondergesetz freigelassen wurde, wurde keiner der mit den Deportationen befassten Personen je zur Verantwortung gezogen. Ein letzter Versuch mit 2 Angeklagten scheiterte beim Landgericht Bremen am 29. Januar 1971, da hier mit einer attestierten „Gehilfenrolle“ nur „Beihilfe zum Mord“ durch Oberstaatsanwalt Dr. Siegfried Höffler konstatiert wurde und ein Verfahren wegen Verjährung außer Verfolgung gesetzt wurde. Höffler, Jahrgang 1909, NSDAP ab 1933, Sondergericht Berlin und entnazifiziert als „Mitläufer“ stand dort im Ruf Verfahren gegen NS-Täter „tot zu machen“, wie es damals im Behördenjargon hieß.

Von ehemals 4 Synagogen in Kerkyra ist eine namenlose übrig geblieben.
Ein Denkmal in der Stadt erinnert an die Deportation. 60 oder 70 Gemeindemitglieder existieren noch. Die Zukunft ist durch fortschreitende Assimilation ungewiss.

Lanz wurde 1948 in Nürnberg wie sein Kollege Speidel im Februar 1948 wegen
Kriegsverbrechen in Griechenland zu 12 Jahren Haft verurteilt und Anfang 1951
amnestiert.
Er widmete sich geschichtsrevisionistischer Literatur und übernahm als FDP-Funktionär den Vorsitz im wehrpolitischen Ausschuss seiner Partei.