Ein Denkmal für Ignat Prochorowitsch Babitsch – Rede von Dr. Peter Jahn auf der Gedenkstunde in Hebertshausen

geschrieben von Dr. Peter Jahn

11. Juli 2014

Am 22. Juni 2014 fand in der neu gestalteten Gedenkstätte „Ehemaliger SS-Schießplatz Hebertshausen“ bei Dachau die jährliche Gedenkstunde des Fördervereins für Internationale Jugendbegegnung und Gedenkstättenarbeit in Dachau e.V. anlässlich des Jahrestags des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 statt. In ihrer Begrüßungsansprache erinnerte die Vereinsvorsitzende Ulrike Mascher u.a. an den mutigen Kampf der Gruppe „Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen” und die Erschießung von 92 Aktivisten dieser bedeutenden Widerstandsbewegung am 4. September 1944. Anschließend hielt Dr. Peter Jahn, Direktor des Museums Berlin-Karlshorst i.R., die Gedenkrede. Wir danken ihm für die freundliche Genehmigung, diese Rede hier zu dokumentieren.
Renate Hennecke, Landessprecherin der VVN-BdA BayernHebertshausen 22-6-14 062

Ein Denkmal für Ignat Prochorowitsch Babitsch 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich spreche zu Ihnen als Historiker und ehemaliger Leiter des Deutsch-Russischen Museums Berlin-Karlshorst, das – getragen von der Bundesrepublik Deutschland, der Russischen Föderation, der Ukraine und Belarus – an den mörderischsten Krieg der Geschichte, den Krieg im Osten von 1941 bis 1945 erinnert. Dort war ich über Jahrzehnte mit den Zahlen des nationalsozialistischen Massenmordes, des Völkermordes konfrontiert, und das war nicht zuletzt ein ständiger Versuch, von den nicht fassbaren Dimensionen selbst irgendwie eine Vorstellung zu bekommen wie auch anderen zu vermitteln. Was sind diese Millionenzahlen in unserer Erinnerung?

Und über welches Ereignis spreche ich heute, in diesem Meer von Schreckenstaten, von Verbrechen, die untrennbarer Teil des deutschen Vernichtungskrieges im Osten waren: Zuerst einmal der Völkermord an vielen Millionen Juden Osteuropas, die ausnahmslos ermordet wurden, der gezielte Hungertod von mehr als 800 Tsd. Einwohnern Leningrads, die Hunderttausende verhungerter Zivilisten, denen in den besetzten Gebieten die Lebensmittel entzogen wurden, die Bewohner tausender Dörfer, die dort erschossen oder in ihren Hütten verbrannt wurden – und die mehr als drei Millionen sowjetische Kriegsgefangene, die die Gefangenschaft nicht überlebten, weil ihr Überleben auch nicht vorgesehen war.

Mit dem Wissen von diesen zwar bezifferbaren, aber eben nicht fassbaren, nicht vorstellbaren Verbrechen der NS in Osteuropa will ich daher jetzt an einen hier ermordeten Rotarmisten erinnern: an Ignat Prochorowitsch Babitsch. Babitsch

Die Kriegsgefangenen-Personalkarte der deutschen Wehrmacht für Kgf. sagt aus: Er war 1,71 m groß, hatte in dem Ort Tumanskaja Guta im Gebiet von Tschernigow gelebt. Geboren wurde er am 24. Januar 1913 im Dorf Susit im Kiever Gebiet. Er war Lehrer, er war Ukrainer, er war verheiratet mit Maria Babitsch, als Religionszugehörigkeit wird „orthodox“ verzeichnet, sein militärischer Dienstgrad war Leutnant. Am 12. Juli 1941 fiel er als Angehöriger des 890. Infantrie-Regiments bei Berditschew in deutsche Gefangenschaft. Nach Gefangenschaft in verschiedenen Lagern in der Sowjetunion kam er Anfang 1942 in das Offizierslager Hammelburg. Die Karteikarte gibt Auskunft, dass er am 14. April 1942 an die Gestapo übergeben worden ist. Am 18. April wurde er hier in Hebertshausen erschossen.

Warum wurde Ignat Babitsch an die Gestapo übergeben und erschossen? Schon vor Beginn des Krieges war die deutsche Seite von der Angst vor gefährlichen und noch dazu bolschewistisch indoktrinierten Sowjetbürgern beherrscht, umso mehr vor den Rotarmisten. Vor ihnen sollten sich die deutschen Soldaten, weit mehr als vor französischen oder britischen Gegnern, besonders in Acht nehmen, „Heimtücke“ und „Grausamkeit“ waren demnach ihre Eigenschaften. Eine große Zahl der sowjetischen Soldaten wurde daher bereits bei der Gefangennahme oder kurz darauf getötet. Als viele kriegsgefangene Soldaten nach Deutschland gebracht wurden, weil ihre Arbeitskraft benötigt wurde, schien die Gefahr umso größer. Unter diesen rassistischen ideologischen Vorgaben wurden daher seit dem Herbst 1941 alle sowjetischen Kriegsgefangenen in deutschen Lagern einer besonderen Überprüfung und Selektion durch die SS unterworfen. Danach sollten ausgesondert und erschossen werden: höhere und mittlere Staats-, Wirtschafts- und Parteifunktionäre, alle Politoffiziere, soweit sie nicht schon vorher gemäß dem Kommissarbefehl erschossen worden waren, alle Juden, die „sowjetrussischen Intelligenzler“, schließlich alle, „die als Aufwiegler oder fanatische Kommunisten festgestellt werden“.

Warum also Ignat Babitsch? Nur Vermutungen sind hier möglich. Am wahrscheinlichsten ist, dass sein Beruf den Dorfschullehrer als „sowjetrussischen Intelligenzler“ an den Erschießungsplatz brachte. Denn übergreifendes Ziel des Krieges war, für die Zukunft einen deutschen „Lebensraum im Osten“ (so die Nazibezeichnung) in Osteuropa bis zum Ural zu schaffen, dafür ca. 30 Millionen Landeseinwohner zu vernichten und die Überlebenden als bildungslose Sklaven für die deutschen Kolonialherren arbeiten zu lassen. Jeder polnische, ukrainische, weißrussische oder russische Lehrer war daher schon durch seinen Beruf ein Feind, der zu vernichten war.

Hier, in Hebertshausen, wurden in den Jahren 1941/42 und vereinzelt noch in den kommenden Jahren so wie Ignat Babitsch mehr als 4.000 sowjetische Kriegsgefangene erschossen, oder genauer: ermordet. In Buchenwald waren es 7.000, in Mauthausen 5.000, in Sachsenhausen 12.000 sowjetische Kriegsgefangene. Ihnen hatte der Schutz des Völkerrechts – der Haager Landkriegsordnung und der Genfer Konvention – zugestanden, ihre Erschießung war ein Verbrechen.

Erschossen wurden also 1941 und 1942 in den deutschen KZ über 40.000 Kriegsgefangene. Schon vorher waren bei ihrer Gefangennahme in den Jahren 1941 und 1942 an die 10.000 Politoffiziere, die sog. Kommissare, exekutiert worden. Auf den Märschen und in den Lagern auf dem Boden der SU wurden vermutlich bis zu 100.000 Gefangene erschossen.

Allein diese Zahlen sind horrend, sind unfassbar, aber welches Gewicht kommt ihnen zu, sehen wir auf die drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die an den Folgen des Hungers, der Unterernährung und der Krankheiten starben. Das war kein Hungersterben, weil Lebensmittel nicht vorhanden waren, weil Organisationsmängel zugedachte Lebensmittel nicht bei den Gefangenen  ankommen ließen – dieser Hungertod war im Kalkül der deutschen Führung eine feste Größe, um die erbeuteten Lebensmittel für die deutschen Truppen zur Verfügung zu haben. „Nicht arbeitende Kriegsgefangene haben zu verhungern..“, so die kurze Formel des General-Quartiermeisters des Heeres, General Wagner, zuständig für die gesamte Versorgung der Truppen, auf einer Besprechung der Armeeoberbefehlshaber im November 1941.

Kennzeichnend für diese geradezu groteske Konkurrenz zwischen gezieltem Mord und massenhaftem Hungertod ist der Brief des Chefs der Gestapo Heinrich Müller an die Wehrmachtsführung vom November 1941. Dort beschwerte er sich darüber, dass von den zur Erschießung selektierten Kriegsgefangenen auf Grund des Hungersterbens bis zu 10% schon tot in den Konzentrationslagern ankämen, der SS also diese Mühe doch erspart werden sollte.

Kehren wir noch einmal zu dem einen zurück, der hier ermordet wurde, dessen Foto und die wenigen biographischen Angaben Ausgangspunkt dieser Übersicht waren. Wir sehen lachende Augen, er mag ein guter Lehrer gewesen sein, und er war verheiratet mit Maria Babitsch, zu der er unter den Bedingungen eines „normalen“ Krieges aus der Gefangenschaft hätte zurückkehren können. Sein militärisches Ehrgefühl war durch die Gefangennahme gewiss verletzt worden, niemand kehrt unversehrt aus der Gefangenschaft zurück. Aber er hätte überlebt.

Heute, am 22. Juni, erinnern wir an den Beginn des deutschen Eroberungs- und Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion vor 73 Jahren. Am Ende dieses Krieges zählen wir 25 bis 30 Millionen getötete Bürger der Sowjetunion: Russen, Ukrainer, Weißrussen, Armenier,… aller sowjetischen Nationalitäten. Die eindeutige Mehrheit der Opfer finden wir in der Zivilbevölkerung und bei den Kriegsgefangenen. Diese Opfer werden noch immer im Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit als Opfer des Krieges gesehen, bedauernswert und Mitleid erregend wie auch die gefallenen Soldaten, aber eben Kollateralschäden. Dass die Mehrheit dieser Toten Opfer einer rassistischen Ideologie wurden, die ihnen jenseits der Sklavenarbeit keine Existenzberechtigung zugestand, ist immer noch nicht Teil unserer Vorstellungen von den Schrecken der nationalsozialistischen Herrschaft. Um das zu verändern, sollten auch diese Opfer, ebenso wie Juden, Roma und Sinti wie auch Behinderte einen Ort des Erinnern und Gedenkens im Bereich des Berliner Tiergartens, im Umfeld des deutschen Regierungsviertels erhalten.

Dr. Peter Jahn